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Cottbus im
Dezember. Es ist Freitagabend, Temperaturen um den Gefrierpunkt.
Das Tabellenschlusslicht der 2. Fußballbundesliga bestreitet
sein letztes Spiel, vor der so sehnlich erwarteten Winterpause.
Eine Stunde vor Anpfiff erreiche ich den Stadionvorplatz. Zu
hören sind nur die Karlsruher Fans. Im Hinterkopf geistern mir
die Probleme des Vereins rum: Trainerwechsel mitten in der
laufenden Hinrunde, sechsstelliges Haushaltsloch, vier
Niederlagen in Folge, gespaltene Anhängerschaft, verunsicherte
Mannschaft, erstmals Letzter, Minuskulissen bei den vergangenen
Heimspielen, zehn gesperrte oder verletzte Profis, usw. usf..
Nicht wie zuletzt in den "I", nein in den G-Block stelle ich
mich. In die Kurve also, so wie früher. Dort habe ich in dieser
Saison noch keine Niederlage gesehen, vielleicht hilft's ja.
Das Spiel beginnt, und die Energie-Rumpfelf macht Druck. Aber
kaum sind sieben Minuten gespielt, liegt man auch schon wieder
zurück. Geht das schon wieder so los? Das darf doch nicht wahr
sein. Der KSC macht mit seinem ersten Angriff das Tor. Langer
Ball aus dem Mittelfeld, Kopfballverlängerung von Dundee am
Strafraumrand, Schwarz zieht frei stehend ab, keine Chance für
Berntsen. Mist! Aber irgendetwas war diesmal anders. Zwar schien
sich das bis dahin gut spielende Team durch das Gegentor wieder
verunsichern zu lassen, aber nur kurz stockte das
Offensiv-Spiel. Und noch etwas fiel auf. Wo gegen Wacker noch
"Wir ham die Schnauze voll!" oder Beifall für des Gegners Tor zu
hören war, erklang dieses Mal aufmunternde Anfeuerung. Ob der
offene Brief der Mannschaft, in dem um Unterstützung gebeten
wurde, geholfen hatte? Oder das Treffen zwischen Spielern,
Verantwortlichen und Fans unter der Woche? Möglicher Weise
hatten aber auch Einige wirklich begriffen worum es heute ging.
Nach einigen Minuten vorweihnachtlicher Besinnlichkeit, nahm
Energie dann wieder das Heft des Handelns in die Hand.
Konzentriert und mit der nötigen Ruhe baute der FCE seine
Angriffe auf. Meistens über die beiden Kreativen Moki und Reghe
(heute Spielführer). Aber auch die defensiveren Schöckel, Rost
und ganz besonders Ogungbure machten eine gute Partie. Ein
Vorteil der neuen Dreierkette, ist natürlich die Überzahl im
Mittelfeld. Außerdem hätte man nach den Ausfällen von Beeck, da
Silva, Nikol, Berhalter, Gunkel und Löw eh keine sinnvolle
Viererkette zusammen bekommen. Sogar der unter Ede schon
aussortierte, und zu den Amateuren abgeschobene Rayk Schröder,
kam zu seinem ersten Einsatz seit zweieinhalb Jahren.
Nach einer halben Stunde schnürte man die Karlsruher am eigenen
Strafraum ein. Selbstverständlich standen die mit ihrer
Auswärtsführung im Rücken sehr tief und dicht in der Abwehr,
taten nichts nach vorne. Aber genau dies lies unseren Helden den
nötigen Platz zum kombinieren. Wenn das mal kein Fehler war. Und
gibt es nicht ironisch-schöne Geschichten im Fußball? 32.
Minute: Ecke von Reghecampf, abgewehrt, der Ball kommt zu Rost,
der flankt nach innen, Schröder köpft zum langen Pfosten, Tor.
Der Wahnsinn! Nach seiner Rückkehr 2002, folgten zwei
Spielzeiten voller Verletzungen. Vor einigen Wochen war ihm ein
Wechsel nahe gelegt worden. Und nun trifft ausgerechnet Er in
diesem so wichtigen Spiel zum Ausgleich. Auch wenn einige
Nörgler behaupten der Ball wäre am Pfosten vorbei gegangen,
hätte ihn nicht Masmanidis bei seinem Rettungsversuch über die
eigene Linie gedrückt. Aber diesen Leuten fehlt wohl nur der
Sinn für so schöne Geschichten ;-). Kaum hatte ich mich nach dem
Torjubel beruhigt, durfte ich schon wieder tanzen (Platz genug
hatte ich ja leider, bei nur 8.500 Zuschauern). Denn schon der
nächste ernst gemeinte Angriff brachte die Führung. Mokhtari
hatte einen Abpraller nach Vorarbeit von Reghe aus etwa zehn
Metern eingeschoben. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen,
war das wirklich Energie da unten auf dem Rasen? Ja Sie war es,
und wie. Angriff um Angriff rollte jetzt auf das Badenser Tor
zu. Vom KSC kam fast gar nichts mehr. Leider konnte nicht noch
vor der Pause erhöht werden. Aber gefeiert wurde trotzdem
gleich, sicherheitshalber.
Zu Beginn der zweiten Hälfte, lief das Spiel genau wie zu Ende
der Ersten. Diesmal aber in die andere Richtung. Logisch, war ja
auch Seitenwechsel. Soll heißen, Energie stürmte weiter. Aber
unser Null-Tore-Sturm Jungnickel/Iordache meißelte weiter an
seinem Image. Nach einer Stunde endlich die Erlösung. 3:1! Wie
schon der Ausgleich, resultierte der Nahschuss aus einem Eckball
von L.A.R. Das sollte doch reichen, gegen diesen Gegner. Ach so
der Torschütze, stimmt ja. Tja, wieder eine nette Geschichte am
Rande. Ausgerechnet der Pechvogel vom Frankfurtspiel, Zoltan
Szelesi, traf zur Vorentscheidung. Wie versprochen, machte er
seinen verschossenen Elfer mit einem Tor wieder gut. Aber
Cottbus hatte noch lange nicht genug. Warum auch, wenn man schon
mal so nett eingeladen wird? So langsam fragte ich mich woran es
lag, dass es heute auf einmal lief. Dass eine wirkliche
Mannschaft zu sehen war, noch dazu eine spielende und kämpfende.
Das Fax von Ede vor dem Spiel? Oder hatte man den Spielern etwa
intern mit seiner Rückkehr gedroht? Vielleicht war aber auch der
nach zwei Niederlagen schon mächtig unter dem Feuer der "Fans"
liegende Petrick "Ente" Sander nicht ganz unschuldig, an dieser
Wende.
Jedenfalls machte zwanzig Minuten vor Schluss Martin Hysky den
Torreigen der Cottbuser Dreierkette perfekt. Das nenn ich mal ne
offensiv ausgerichtete Abwehr. Aber Recht hat er, wenn hinten eh
nix passiert und der Sturm nix gebacken kriegt, machen halt die
Verteidiger die Tore. Und (Oh Wunder!) wieder nach einer
Standartsituation, fiel das vierte Tor. Freistoß vom heute
überragenden Youssef Mokhtari, der Ball fliegt durch den
Strafraum, Hysky springt am höchsten, drin. Unglaublich, vier
Energietreffer in einem Spiel! In den letzten vier Spielen, gab
es zusammen nur zwei. Danach war die Sache eigentlich durch.
Drei, meiner Meinung nach, interessante Szenen gab es noch.
Erstens, die Einwechselung von Sebastian Schuppan. Es war das
Debüt des 18jährigen aus der A1-Jugend. Dort ist er als linker
Mittelfeldspieler sehr torgefährlich. So was fehlt uns
eigentlich noch. Und auch seine ersten Minuten Profifußball
ließen hoffen. Zweitens, eine der ganz wenigen negativen Szenen
von Schröder. Kurz vor Spielende, verfehlt er einen Ball. Diesem
geht Sean Dundee nach, um im Strafraum von Gunnar Berntsen
(Gelb) umgerannt zu werden. Klarer Elfmeter für Karlsruhe. Der
Gefoulte selbst vergibt aber kläglich. Drittens, eine absolute
Revolution im Cottbuser Support. Die Haupttribüne fordert die
Ultras mit einem "Hey Block I!" zu Wechselgesängen auf. Hammer!
Danke Luxxe, Adler und wer noch dabei war, dass ich das mal
hören durfte. Wird wohl einmalig bleiben, oder?
Als nach der bisher besten Saisonleistung der elfte
Tabellenplatz ausgerufen wurde, wünschte ich mir die sofortige
Abschaffung der Winterpause. Tja, schon komisch. Man will
irgendwie immer das, was man grad nicht hat. Wie auch immer,
dieses Spiel sowie die zweite Hälfte in Frankfurt, lassen mich
doch besser gelaunt ins neue Jahr gehen. Endlich ist dieses
verdammte 2004, zumindest fußballerisch vorbei. Während der
traditionellen Nachbetrachtung auf dem Vorplatz, erfuhr ich dann
dass "Ente" Cheftrainer wird bzw. bleibt. Ob Er nun das
Vertrauen der Vereinsführung besitzt (Meines besitzt Er!), oder
der Verein sich einfach keinen Anderen leisten kann, sei mal
dahin gestellt. Am Ende zählt wahrscheinlich nur der sportliche
Erfolg. Und der wird sich einstellen. Davon bin ich mittlerweile
wieder fest überzeugt. Denn in der Rückrunde ist auch wieder mit
Cottbuser Stürmertoren zu rechnen.
Eine frohe Wintersonnenwende wünscht, ein ab jetzt für alle Zeit
(versprochen!) im G-Block beheimateter Rossi. |