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Endlich wieder
Fußball. Nach dem bekannt werden des Etatlochs, dem
Umsturzversuch der vereinsinternen Opposition, dem Notverkauf
der beiden Leistungsträger Thurk und Reghecampf, dem
Kreuzbandriss von Gunnar Berntsen, der Beurlaubung von Manager
und Energie-Urgestein Klaus Stabach und den beiden "offenen
Briefen" der sich nie zuvor so deutlich gegenüber stehenden
Fanlager innerhalb von nur drei Wochen, gab es heute ENDLICH
WIEDER FUßBALL!
Was man da so aus dem obligatorischen Wintertrainingslager in
Dubai sah und hörte lies hoffen. Selten hatte man eine so gute
und gelöste Stimmung in der Mannschaft erlebt wie unter den
Trainern Sander, Hoßmang und Köhler. "Den Kopf der Spieler frei
bekommen.": wollte Petrick Sander. Scheinbar war ihm das
gelungen. Aber wie wird man den sportlichen Aderlass verkraften?
(Mein) Hoffnungsträger für die Rückrunde Michael Thurk und
Top-Vorbereiter L.A. Reghecampf mussten dem wirtschaftlichen
Überleben des Vereins geopfert werden. Gleich zu Beginn der
Vorbereitung griff in unnachahmlicher Art und Weise wieder das
vom FCE perfektionierte System des Job-Sharings für Torhüter.
Der gerade erst nach seinem Schulterbruch genesene Piplica
übernahm wieder den Platz zwischen den Pfosten, nachdem wie
schon vor gut einem Jahr jetzt wieder Gunnar Berntsen mit seiner
schweren Verletzung dran war. Tja, gutes Timing ist eben alles.
Weiterhin fehlten natürlich die Verletzten Beeck, Latoundji,
Nikol, Berhalter, Ogungbure und da Silva. Und um die erste
Abwehrreihe zu komplettieren, war Löw noch rotgesperrt. Bei noch
16 einsatzfähigen Profis, fiel dem Trainer die Aufstellung
natürlich ausgenommen leicht. Ist doch auch was.
Unser Gegner, der 1.FC Köln, hatte da doch schon einiges mehr zu
Grübeln. Lukas Podolski lief jedenfalls genauso auf, wie sein,
in der Winterpause mal eben in die zweite Liga geholter,
Nationalmannschaftskollege Rahn. Angesichts des zweieinhalb Mal
höheren Etats, der ja u.a. auch die Verpflichtung des
griechischen Nationalhelden und Europameisters Tsiartas zuließ,
der Tatsache dass Köln fast so viele Auswärtspunkte hat wie wir
insgesamt, und eben eines Stürmers wie Podolski der in bisher 14
Spielen neun mal traf (also dreimal so viel, wie alle unsere
Stürmer zusammen in der gesamten Hinrunde!!!), konnte man also
getrost von einer anderen Liga sprechen.
Zurück zum FCE. Hier hatte "Ente" Sander in der Vorbereitung
sein neues System weiter einüben lassen. (Da es sich hierbei um
eine Neuerung handelt, werde ich kurz darauf eingehen.) Dieses
sieht ein 4-4-2 vor, das bei eigenem Angriff blitzschnell auf
ein für Cottbuser Verhältnisse beachtliches 3-4-3 umstellt.
Einer der Außenverteidiger rückt bei Ballbesitz ins Mittelfeld
auf, während der rechte Mittfelder im Sturm für Überzahl sorgt.
Die verbliebenen Abwehrspieler bilden eine Dreierkette. Offensiv
kann man von einer Raute sprechen. Der einzige, auch als solcher
anzusprechende, Stürmer Baumgart steht im Zentrum. Flankiert
wird er von zwei schnellen Außenspielern. Mokhtari hat nun
endlich die Freiheiten die er braucht um das Spiel an sich zu
reißen, und ist in der Mitte als Spielmacher gesetzt.
Abgesichert wird er von zwei defensiven Mittelfeldspielern, die
aber abwechselnd auch mit in die Angriffe einbezogen werden.
Zum Spiel: Die Älteren werden sich vielleicht noch an die
überfallartigen Angriffe des FCE zu Regionalligazeiten erinnern.
Da gab es keine Quer- oder Rückpässe, kein taktieren oder
belauern. Sofort wenn einer den Ball erkämpft hatte rannte Alles
wie vom Teufel persönlich gejagt zum gegnerischen Strafraum. Und
irgendwie stand immer einer frei, da der Abwehr gar keine Zeit
blieb sich zu stellen. Okay, mag sein dass ich die Vergangenheit
beschöne und natürlich spielte man damals auch gegen Truppen wie
Spandau oder Velten, aber so etwas vermisste man in den letzten
Jahren. Also ich wenigstens. Zu Beginn des Spiels jedoch, fühlte
ich mich in diese Zeit zurück versetzt. Angriffsfußball von
Anpfiff weg. Schon in der vierten Minute setzte sich Iordache in
der Mitte durch und zog ab. Bade konnte nur seitlich abprallen
lassen, und Baumgart schob ein. Und trotz Führung, griff Cottbus
weiter an. Fünf Minuten später, steht auf einmal nach einem
Freistoß Podolski frei außerhalb des 16ers. Er zieht volley ab
und trifft Rayk Schröder, dieser fälscht den Ball so unglücklich
ab dass er über Pipi ins Tor geht. Verdammt. Hat sich's etwa
schon wieder? Nein. Es ging weiter nach vorn. Die Kölner Abwehr
wurde danach ein ums andere Mal einfach überrannt. Mokhtari
verteilte die Bälle aus der Mitte heraus, und die schnellen
Iordache und Brunnemann liefen ihren Gegnern davon. Chancen im
Minutentakt, Köln wackelte gewaltig. Nach Vorarbeit von Gunkel
säbelt Baumgart völlig frei stehend über das Tor. Kurz danach
wird Iordache von Voigt im Strafraum geblockt, Gelb und
Elfmeter. Aber was nützt das? Drei Elfmeter bekamen wir schon,
drei vergaben wir schon. Mokhtari läuft an, schießt, trifft. 2:1
Wie? Getroffen vom Punkt? Das geht? Na wenn das der Reghe
wüsste. Jetzt drückten die Kölner genau so wie Energie. Beide
Mannschaften spielten mit offenem Visier. Leider haben die
Kölner mit Streit einen sogar noch besseren Außenspieler auf dem
Feld. Mehrmals geht er über Szelesis rechte Abwehrseite wie ein
heißes Messer durch ein Pfund Butter. Und flanken kann er auch.
Piplica muss mehrmals retten. Und wie er das macht, ganz große
Klasse. Er scheint wieder vollkommen fit zu sein. Auch einige
seiner berüchtigten Ausflüge lässt er wieder kucken. Aber auch
Bade muss u.a.gegen Baumgart retten, da Energie weiter anrennt.
Dann wieder Freistoß Köln im Mittelfeld. Der Ball fliegt lang
und hoch durch den Strafraum, keiner kann ihn erreichen. Auf
einmal fällt am langen Pfosten Voigt um. Ein Pfiff ertönt,
Elfmeter. Ich muss ehrlich gestehen dass ich mich erst durch den
TV-Bericht davon überzeugen ließ, dass es keine Schwalbe war.
Brunnemann war mit der Hand dran. Wie auch immer. Poldi läuft
an, Pipi springt nach links, Poldi schießt nach rechts,
Ausgleich. Und das so knapp vor der Pause. Aber mit der
gezeigten Leistung, gegen diesen Gegner konnte man mehr als
zufrieden sein.
Neue Halbzeit, gleiches Spiel. Zwar nicht ganz so kompromisslos
wie vor dem Wechsel, aber immer noch schnurstracks nach vorne
spielten beide Teams. Bei den Kölnern muss man die Leistung von
Streit heraus heben. Bei Energie zeigten Mokhtari, Brunnemann
und auch Iordache sehr starkes Offensivspiel. Leider vergab man
weiterhin seine Chancen. In der 57. Minute, standen dann auf der
linken Seite erst Iordache und dann Schöckel zu weit von ihren
Leuten entfernt. Das Resultat: Die Führung der Rheinländer durch
einen sehenswerten Heber von Albert Streit. Danach rannte beim
FCE alles nach vorn, der Ausgleich musste doch zu erzwingen
sein. Leider kam wiederum Streit an den Ball. Dieser schlug ihn
weit nach vorn auf den pfeilschnellen Podolski, der als einziger
Kölner noch in Höhe der Mittellinie auf Konter wartete. Und
einen solchen fuhr er nun. Szelesi grätsche als letzter Mann ins
leere, und Prinz Poldi ging alleine auf den Strafraum zu. Tomi
hatte aufgepasst, kam raus und konnte ihm an der Strafraumgrenze
den Ball vom Fuß klatschen. Podolski dreht sich vom Tor weg,
nimmt den Ball wieder auf und geht einige Schritte in Richtung
Mittelfeld. Anstatt sofort wieder ins verwaiste Tor zurück zu
rennen geht Piplica im nach. In ca. 25 Metern Torentfernung eine
erneute Drehung von Podolski um Pipi herum, ein ansatzloser
Schuss ins linke obere Toreck, die Vorentscheidung. Ich habe
lange darüber nachgedacht warum Piplica nicht einfach zurück
gegangen ist. Ich kam zu keinem logischen Ergebnis. Fairer Weise
muss man aber sagen, dass er in dieser Situation ziemlich allein
gelassen war. Die zurück gerannten Schröder und Szelesi
beschränkten sich darauf das leere Tor zu decken. Auch Hysky und
Schöckel gingen zu spät von ihren Gegenspielern weg um ihm zu
helfen. Zwei Gegentore in Drei Minuten. Das bricht jedem Team
das Genick. Totenstille im Stadion. Auch die die sich unter der
Woche in ihrem offenen Brief die "aktive Fanszene" nannten und
viel Einsatz dabei zeigten sich als die wahren Energie-Fans
darzustellen schwiegen jetzt. Keine Anfeuerung, keine
Unterstützung, nichts war zu hören.
Aber erstaunlicher Weise kämpfte die Truppe weiter. Doch nach
einem Fehler, des gegen Karlsruhe von mir noch gelobten, diesmal
aber schwachen Schröder ist es wieder Streit, der Schindzielorz
steil schickt. Wieder muss Pipi raus kommen, diesmal leider
nicht mit fairen Mitteln. Wieder Strafstoß. Wieder Poldi. Wieder
Tor. 2:5. In zehn Minuten das Spiel verloren. Und dennoch gab
man sich nicht auf. Und das beeindruckte mich zutiefst. Ich kann
mich in den letzten Jahren nur an das Spiel gegen Führt
erinnern, in dem Energie so tapfer kämpfte. Obwohl auch in
Frankfurt neun Cottbuser die Eintracht einschnürten. Eine
viertel Stunde vor Schluss keimte dann doch noch mal so etwas
wie Hoffnung auf. Sinkala musste nach Foul an Brunnemann mit
Gelb/Rot vom Platz. Und dieser Brunnemann machte das Spiel
seines Lebens. Über Neunzig Minuten rannte der sich die Seele
aus dem Leib. Und immer auf das gegnerische Tor zu. Auch wenige
Minuten später. Da wurde er im Kölner Strafraum von den Beinen
geholt. Kaum zu fassen, der vierte Elfmeter. Der heraus ragende
Youssef Mokhtari, der mit einem herrlichen Flachpass die
Situation erst eröffnet hatte, verwandelte zum 3:5.
Und auf einmal war das Stadion wieder da. Die Hölle brach los.
Noch sieben Minuten plus Nachspielzeit. Und es gilt in Überzahl
noch zwei Tore zu machen. Wer war da nicht an die Aufholjagd
gegen 60 erinnert. Energie gab jetzt das Heft des Handelns nicht
mehr aus der Hand. Mokhtari bricht links durch, passt in die
Mitte, doch Iordache vergibt frei. Nachdem der eingewechselte
Jungnickel zweimal erfolgreich unser Angriffsspiel mit
taktischem Unvermögen sabotierte dies: Brunnemann flankt von
rechts. Der heute gute Gunkel steigt fünf Meter vorm Tor hoch,
kommt super hinter den Ball und köpft ihn in die Arme von Bade.
Ich war am zusammen brechen. Gunkel völlig fertig und am Boden.
Mok, der heute Kapitän war, zeigte sich als ein solcher und riss
ihn wieder mit. Der Ball wollte einfach nicht mehr rein. Kurz
danach war dann auch Schluss. Was für ein Spiel! Acht Tore,
davon vier Elfer.
Was dann geschah, richtete mir die Nackenhaare auf. Alle die
noch im Stadion waren (Einige der 11.000 waren nach dem fünften
Kölner Tor gegangen.) gaben der Mannschaft Standing Ovations.
Mal bitte auf der Zunge zergehen lassen! Eine Heimniederlage mit
fünf Gegentoren in einer sportlich und finanziell so brisanten
Situation. Und die Zuschauer (Ich benutze hier absichtlich nicht
das Wort Fans.) klatschen fünf Minuten Dauer-Applaus nach dem
Spiel. Inklusive Welle und Allem drum und dran. Einfach riesig.
Da war ich das erste Mal seit längerer Zeit wieder so etwas wie
stolz darauf Cottbus-"Zuschauer" zu sein. So sehr ich es auch
versuchte, ich konnte mich einfach nicht über diese Niederlage
ärgern. Natürlich hätten wir die Punkte gebraucht, aber gegen
Köln müssen wir sie nicht holen. Eher schon nächste Woche, beim
direkten Mitbewerber um den Klassenerhalt Dynamo. Eigentlich
habe ich mir nach mehreren negativen, zum Teil äußerst
schmerzhaften, Erfahrungen mit der schwarz/gelben Pest, hoch und
heilig geschworen nie wieder zum Fußball nach Dresden zu fahren.
Aber nach dieser Leistung sage ich: "Scheiß auf die blauen
Flecken und Platzwunden, wenn die Truppe so spielt, ist es mir
das wert!"
"Stussysweltreporter"
Rossi |